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Asthma bei Kindern Der Bauernhof-Effekt

Viele Kinder leiden unter Asthma oder Allergien. Erklärtes Ziel der Wissenschaft ist es, diesen Erkrankungen frühzeitig und effektiv vorzubeugen. Welche Strategien die Forschung verfolgt und welche Rolle der Kuhstall dabei spielt.

Chronischer Husten, Kurzatmigkeit, Atemnot - bis zu zehn Prozent aller Kinder sind im Laufe ihrer Kindheit von Asthmabeschwerden betroffen. Inzwischen ist bekannt: Neben genetischen Einflüssen spielt die Umwelt, in der Kinder aufwachsen, eine große Rolle.

Aktuelle Allergieforschung nimmt die frühe Entstehung von Asthma und Allergien bei den ganz Kleinen ins Visier – mit dem Ziel, den Ausbruch der Krankheiten zu verhindern.

Stadt- oder Landleben?

Eine prominente Spur, der die aktuelle Forschung zur Allergieprävention nachgeht, ist die sogenannte Hygienehypothese, die vermutet, dass der Umgang mit Mikroorganismen früh im Leben den Schutz vor Asthma und Allergien bewirken könnte. Ebenso prominent ist Erika von Mutius, Direktorin des Instituts für Asthma- und Allergieprävention bei Helmholtz Munich. Sie ist eine der weltweit führenden Vertreterinnen der Hygienehypothese. ((LINK zu PI-Seite). Die Wissenschaftlerin hatte diese Hypothese aufgestellt, nachdem Allergien in den letzten Jahrzehnten in den Industrieländern und hier vor allem unter Stadtbewohner:innen stark zugenommen hatten. Somit alles eine Frage des Lebensraums?

Nicht nur - Studien zeigen, dass Kinder, die auf einem Bauernhof aufwachsen, deutlich seltener an Asthma oder anderen Allergien erkranken als Kinder, die nicht auf einem Bauernhof leben. Relevant ist in diesem Zusammenhang nicht die ländliche Umgebung. Erika von Mutius fand heraus, dass der Aufenthalt in einem Kuhstall oder das Trinken von roher Kuhmilch eine tragende Rolle spielen, um die Kinder vor den Erkrankungen zu schützen. Weitere Untersuchungen zeigen, dass Mikroorganismen wie Bakterien, Pilze oder Würmer eine Schutzwirkung gegenüber Allergien zu haben scheinen. Was viele Kinder enttäuschen dürfte - im Umkehrschluss lässt sich nicht bestätigen, dass weniger Hygiene im Haushalt vor Allergien schützt.

Vielfalt schützt

Warum sind Bauernhofkinder besser vor Asthma geschützt? Begeben wir uns auf die Reise zu den Ursprüngen des Immunsystems: Von unserer Geburt an sind wir einer Umwelt voller kleiner Organismen ausgesetzt. Sie starten schon in den ersten Minuten unseres Lebens damit, unser Immunsystem herauszufordern. Wichtigster Player ist dabei unser Darm, in dem das Darmmikrobiom, eine Gemeinschaft von Darmmikroorganismen, in den ersten Lebensjahren reift. Je vielfältiger es sich entwickelt, desto mehr schützt es uns vor Asthma. Bauernhofkinder sind deshalb besonders gut geschützt: Das Leben auf dem Bauernhof fördert die Reifung ihres Darmmikrobioms ganz besonders.

„Wir konnten feststellen, dass ein vergleichsweiser großer Teil der Schutzwirkung des Bauernhofs vor Asthma im Kindheitsalter auf die Reifung des Darmmikrobioms im ersten Lebensjahr zurückzuführen ist“. „Dies deutet darauf hin, dass Bauernhofkinder mit Umweltfaktoren in Berührung kommen, die mit ihrem Darmmikrobiom interagieren und diesen Schutzeffekt herbeiführen.“ (Martin Depner, Biostatistiker bei Helmholtz Munich)

Kommunikation zwischen Darm und Lunge

Vieles spricht derzeit für die Idee einer Kommunikationsachse zwischen Darm, Immunsystem und Lunge: Tatsächlich haben Kinder mit ausgereiftem Darmmikrobiom auch hohe Gehalte an kurzkettigen Fettsäuren im Darm, die sie vor einer Erkrankung schützen.

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Neue Strategien für ein stärkeres Immunsystem

Wie lässt sich nun dieses Wissen aus der Forschung in die Praxis bringen? Wie können Kinder mit familiär bedingt erhöhtem Risiko für Asthma davon profitieren – auch wenn sie nicht die Chance haben, in einer bäuerlichen Umwelt aufzuwachsen? Die Wissenschaftler bei Helmholtz Munich suchen nach Wirkstoffen, die die Wirkung der Natur imitieren und die frühkindliche Reifung des Immunsystems stimulieren. Ein reifes Immunsystem ist toleranter gegenüber der Umwelt und entwickelt seltener eine Allergie gegen Pollen. Eine Reihe von Wirkstoffen ist derzeit in der Entwicklung, die betroffene Kinder und ihre Eltern hoffen lassen.

2013 wurde Erika von Mutius mit dem Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft ausgezeichnet. Für ihre Erkenntnis, dass Kinder die auf dem Land und in Kontakt mit Tieren aufwachsen, ein geringeres Allergierisiko haben. Und sie verfolgt weiter die Spuren nach den genauen Zusammenhängen:

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„Unsere Strategie setzt auf die sehr frühe Vorbeugung schon im ersten Lebensjahr, wenn das Darmmikrobiom noch leicht beeinflusst werden kann. Dabei wissen wir bereits, dass es kein einzelnes Bakterium ist, das alleine vor Asthma schützt, es ist vielmehr das Darmmikrobiom in seiner Gesamtheit. Also müssen wir für eine effektive Vorbeugung völlig neue Wege denken.“

Welche Rolle spielt die Kuhmilch?

Die Bauernhofkinderstudien haben übereinstimmend gezeigt, dass Kinder, die regelmäßig Rohmilch trinken, besser vor Asthma, Allergien und Atemwegsinfekten geschützt sind. Da in der Rohmilch Krankheitserreger enthalten sein können, lässt sich diese Erkenntnis nicht 1:1 zur Vorbeugung gegen Asthma und Allergien einsetzen. In weiteren Studien kommt deshalb nun minimal behandelte Kuhmilchzum Einsatz, in der die günstigen Eigenschaften der Rohmilch weitgehend erhalten sind, andererseits die Milch aber frei von bedenklichen Keimen ist.

Erika von Mutius hofft, mit den Studien aufzuzeigen, mit dieser verarbeiteten Kuhmilch der Entstehung von Asthma und Allergien bei Kindern vorbeugen zu können. Um damit einen Schritt weiterzukommen auf dem Weg zum großen Ziel – einer Welt ohne Asthma.

Die Wissenschaftler:innen

Erika von Mutius

Martin Depner

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