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Neue Wege in der Diabetesprävention

IDM

Typ-2-Diabetes entwickelt sich meist über viele Jahre. Dennoch setzen Präventionsmaßnahmen häufig erst dann an, wenn der Blutzuckerspiegel bereits erhöht ist. Ein internationales Expertengremium unter der Leitung des Universitätsklinikums Tübingen und des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) fordert daher einen grundlegenden Perspektivwechsel: Diabetesprävention sollte den gesamten Lebensverlauf in den Blick nehmen – von der Zeit vor einer Schwangerschaft bis ins höhere Lebensalter.

 

In einem in der Fachzeitschrift „Nature Medicine“ veröffentlichten Beitrag stellt das Expertengremium einen gemeinsam entwickelten Zehn-Punkte-Rahmen zur Prävention von Typ-2-Diabetes und seinen Folgeerkrankungen vor. Die Publikation wurde von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des Universitätsklinikums Tübingen und des DZD initiiert und federführend erarbeitet.

 

Gemeinsam mit führenden Expertinnen und Experten aus der Grundlagenforschung, der klinischen Medizin und der Diabetesprävention haben die Forschenden den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse ausgewertet und konkrete Empfehlungen für Forschung, Prävention und Gesundheitsversorgung entwickelt. Ziel ist es, Prävention früher anzusetzen, über den gesamten Lebensverlauf hinweg zu denken und damit langfristig die Entstehung von Typ-2-Diabetes und seinen Komplikationen zu verhindern.

„Typ-2-Diabetes entsteht nicht über Nacht. Das Erkrankungsrisiko baut sich häufig über Jahrzehnte auf und wird in den verschiedenen Lebensphasen von biologischen, sozialen und verhaltensbezogenen Faktoren geprägt“, erklärt Prof. Dr. Andreas L. Birkenfeld, Ärztlicher Direktor der Abteilung für Diabetologie, Endokrinologie und Nephrologie am Universitätsklinikum Tübingen, Direktor des Instituts für Diabetesforschung und Metabolische Erkrankungen (IDM) von Helmholtz Munich an der Universität Tübingen und Mitglied des Vorstands des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD). „Wenn wir Diabetes wirksam verhindern wollen, müssen Präventionsmaßnahmen daher deutlich früher ansetzen und individuelle Risiken über den gesamten Lebensverlauf hinweg berücksichtigen.“

Prävention beginnt lange vor dem Ausbruch der Erkrankung

Die Autorinnen und Autoren schlagen einen sogenannten Lebensverlaufsansatz („Life-Course Approach“) vor. Diabetesprävention sollte demnach nicht als einzelne Maßnahme im Erwachsenenalter verstanden werden, sondern als kontinuierlicher Prozess, der den gesamten Lebensverlauf umfasst. Besonders relevant sind sechs Lebensphasen: die Zeit vor einer Schwangerschaft, die Schwangerschaft, die frühe Kindheit, Jugend und junges Erwachsenenalter sowie das mittlere Erwachsenenalter.

„Viele Menschen verbinden Diabetesprävention vor allem mit Ernährung und Bewegung im Erwachsenenalter“, sagt Erstautorin Yiying Wang, Doktorandin am Universitätsklinikum Tübingen. „Das Risiko, später an Typ-2-Diabetes zu erkranken, wird jedoch bereits deutlich früher geprägt. Die Stoffwechselgesundheit von Mutter und Vater vor der Schwangerschaft kann die spätere Stoffwechselgesundheit des Kindes beeinflussen. Auch Schwangerschaft und Stillzeit bieten wichtige Möglichkeiten, die Gesundheit beider Generationen positiv zu beeinflussen.“

Gesundheit wiederherstellen statt Krankheitsverlauf lediglich bremsen

Ein zentrales Konzept der Publikation ist die Remission. Prävention sollte nach Ansicht der Autorinnen und Autoren nicht allein darauf abzielen, das Fortschreiten einer Stoffwechselstörung zu verlangsamen. Vielmehr sollte es darum gehen, die Stoffwechselgesundheit möglichst früh wiederherzustellen und langfristig zu erhalten.

Dies gilt insbesondere für Prädiabetes. In diesem Stadium vor der Entwicklung eines Typ-2-Diabetes sind die Blutzuckerwerte bereits erhöht, liegen jedoch noch unterhalb des diagnostischen Schwellenwerts für Diabetes. Studien zeigen, dass gezielte Lebensstilinterventionen die normale Blutzuckerregulation häufig wiederherstellen können. Menschen, denen dies gelingt, haben langfristig ein deutlich geringeres Risiko, einen Typ-2-Diabetes zu entwickeln.

„Prädiabetes ist kein unumkehrbarer Zustand“, betont Birkenfeld. „Die Remission des Prädiabetes – also die Rückkehr zu normalen Blutzuckerwerten – sollte daher zu einem zentralen Ziel der Prävention werden. Es geht nicht nur darum, das Fortschreiten der Erkrankung aufzuhalten, sondern die Stoffwechselgesundheit möglichst früh und nachhaltig wiederherzustellen.“

Zehn Prioritäten für die Zukunft der Diabetesprävention

Über die Zusammenfassung des aktuellen Forschungsstands hinaus legt das internationale Expertengremium einen gemeinsam entwickelten Zehn-Punkte-Rahmen für die zukünftige Diabetesprävention vor. Darin benennen die Autorinnen und Autoren zentrale Ansatzpunkte, um Prävention wirksamer zu gestalten – von der Erfassung individueller Risiken über den gesamten Lebensverlauf und personalisierte Präventionsstrategien bis hin zum Einsatz digitaler und KI-gestützter Anwendungen. Auch neue Ansätze, die die Remission stärker als Präventionsziel in den Mittelpunkt stellen und gesundheitliche Ungleichheiten verringern sollen, werden berücksichtigt.

Mit ihrem Zehn-Punkte-Rahmen formuliert das internationale Expertengremium einen gemeinsamen Konsens über zentrale Prioritäten für die Weiterentwicklung der Diabetesprävention. Ziel ist es, Risiken früher zu erkennen, die Remission von Prädiabetes als zentrales Präventionsziel zu etablieren und Menschen dabei zu unterstützen, ihre Stoffwechselgesundheit möglichst lange zu erhalten.

Originalpublikation:
Wang Y. et al. Type 2 diabetes prevention across the life course. Nature Medicine (2026).

Zur Publikation: https://rdcu.be/fyX8B 
 

Wissenschaftlicher Kontakt:
Prof. Dr. Andreas L. Birkenfeld
Ärztlicher Direktor
Abteilung für Diabetologie, Endokrinologie und Nephrologie
Universitätsklinikum Tübingen
Direktor des Instituts für Diabetesforschung und Metabolische Erkrankungen (IDM) von Helmholtz Munich an der Universität Tübingen