Interview

Immunologie und Stoffwechsel - Dem dynamischen Zusammenspiel auf der Spur

Glukose und Insulin Moleküle im Blut

Als Direktorin des neu gegründeten Instituts für Metabolismus und Immunologie (IMI) setzt sich Prof. Carolin Daniel dafür ein, ein Umfeld zu schaffen, das neugiergetriebene Forschung fördert und zugleich einen klaren Fokus auf Translation und einen langfristigen Nutzen für Patient:innen legt. Das Institut für Metabolismus und Immunologie ging aus der unabhängigen Arbeitsgruppe “Type 1 Diabetes Immunology (TD1)” von Carolin Daniel hervor.

“Diese Kombination aus grundlegender Neugier, unerwarteten Entdeckungen und realer gesellschaftlicher Relevanz begeistert mich jeden Tag aufs Neue”

Prof. Carolin Daniel, Direktorin des Instituts für Metabolismus and Immunologie

Prof. Carolin Daniel

Direktorin des Instituts für Metabolismus and Immunologie

Was fasziniert Sie an Ihrer Tätigkeit als Direktorin des Instituts für Metabolismus und Immunologie am meisten?

CD: Mich inspiriert vor allem die Möglichkeit, gemeinsam mit meinem Team ein optimal passendes “Zuhause” für unsere Forschung zu schaffen – denn diese hat sich in den vergangenen Jahren stark weiterentwickelt: Die hochrelevante Verbindung zwischen Metabolismus und Immunologie wurde nicht nur in unserer eigenen Arbeit, sondern im gesamten Forschungsfeld immer deutlicher. Diese Forschungsbereiche unter einem institutionellen Dach zusammenzuführen, birgt daher ein enormes Potenzial. Mich motiviert besonders, ein Umfeld aufzubauen, das Neugier-getriebene Forschung fördert und gleichzeitig einen starken Fokus auf Translation und langfristigen Nutzen für Patientinnen und Patienten legt.

Welche Forschungsziele verfolgen Sie mit dem Institut?

Immune system

CD: Unser übergeordnetes Ziel ist es zu verstehen, wie das Immunsystem mit metabolischen Prozessen und Geweben in Gesundheit und bei metabolischen Erkrankungen interagiert und wie sich dieses Zusammenspiel für Prävention und Therapien nutzen lässt. Ein zentraler Schwerpunkt liegt auf regulatorischen T-Zellen (Tregs), die eine Schlüsselrolle in der immun-metabolischen Wechselwirkung spielen. Wir möchten aufklären, wie die Spezialisierung und Fehlfunktion von Tregs zu metabolischen Erkrankungen wie Diabetes beitragen, und diese Erkenntnisse für eine gezielte Immunmodulation nutzbar machen. Bei Helmholtz Munich sind wir eng mit den Themenbereichen Computational Health und Bioengineering vernetzt und verfolgen gemeinsam das Ziel, Treg-Modulatoren der nächsten Generation zu entwickeln, die nicht nur überschießende Immunantworten unterdrücken, sondern auch Gewebefunktion, -Regeneration und -Reparatur fördern. Letztlich wollen wir mechanistische Erkenntnisse in krankheitsspezifische Interventionen übersetzen, die die metabolische Gesundheit verbessern und Komplikationen verhindern.

Regulatorische T-Zellen

Wie das Immunsystem im Gleichgewicht bleibt

Regulatorische T-Zellen (Tregs) spielen eine zentrale Rolle dabei, das Immunsystem im Gleichgewicht zu halten und zu verhindern, dass es den eigenen Körper angreift. Bei einem Mangel oder einer Fehlfunktion von Tregs können Autoimmun- und Stoffwechselerkrankungen entstehen und sich verschlimmern. Untersuchungen der Treg-Aktivität bei Patient:innen und in experimentellen Modellen haben wichtige Defizite aufgedeckt, die die Entstehung und den Verlauf von Autoimmunerkrankungen vorantreiben.

An welche Momente in Ihrer Karriere erinnern Sie sich besonders?

CD: Es gab viele Highlights, darunter die Leitung meiner ersten unabhängigen Forschungsgruppe und die Erlangung meiner Professur. Am wertvollsten sind für mich jedoch immer die gemeinsamen Entdeckungen, vor allem dann, wenn Ergebnisse etablierte Annahmen infrage stellen. Einige der überraschendsten und zugleich erfüllendsten Erkenntnisse resultierten aus beharrlicher Arbeit an Fragestellungen, die zunächst zu komplex erschienen, um sie in Modellsystemen adäquat abzubilden, etwa seltene humane antigen-spezifische T-Zell-Antworten. Sie haben mir immer wieder gezeigt, wie wichtig Durchhaltevermögen und Offenheit in der Wissenschaft sind. Ein Beispiel: Einmal spät abends, als ich mir gemeinsam mit meiner Doktorandin Durchflusszytometrie-Daten ansah, entdeckten wir endlich die Zellen, nach denen wir über Jahre gesucht hatten. Solche Momente lassen alles greifbar werden und erinnern uns daran, warum Wissenschaft sich lohnt.

“Im Zentrum jeder wissenschaftlichen Entdeckung stehen talentierte und leidenschaftliche Menschen, deren Ideen, Neugier und Beharrlichkeit die Forschung voranbringen.” 
Prof. Carolin Daniel

Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?

CD: Mein Führungsstil basiert auf Vertrauen, Offenheit und der Wertschätzung individueller Stärken. Ich verstehe Führung vor allem als das Schaffen eines Umfelds, in dem sich Menschen entwickeln, wachsen und auf ihre eigene Weise einbringen können. Empathie und Flexibilität sind dabei essenziell, denn es gibt nicht den einen Weg zu wissenschaftlichen Entdeckungen oder zu einer erfolgreichen wissenschaftlichen Karriere. Ich bin überzeugt, dass wissenschaftliche Exzellenz dann entsteht, wenn sich Menschen wertgeschätzt, unterstützt und ermutigt fühlen, sie selbst zu sein. Als Institutsdirektorin sehe ich meine Aufgabe darin, einen Rahmen zu schaffen, der es meinen Teammitgliedern ermöglicht, eigenständig zu arbeiten und gleichzeitig durch gemeinsame Ziele und Werte verbunden zu sein. Letztlich verstehe ich Führung als Service für das Team, für Vielfalt und für die Wissenschaft. Das spiegelt sich perfekt in meinem Lieblingszitat aus der Ubuntu-Philosophie wider: Ich bin, weil wir sind.

Gab es einen prägenden Moment in Ihrer wissenschaftlichen Laufbahn?

Female scientist in the lab

CD: Es ist schwierig, einen einzelnen prägenden Moment zu benennen, da meine Karriere von vielen wichtigen Erfahrungen beeinflusst wurde. Eine besonders prägende Phase war jedoch der Beginn meiner Tätigkeit als unabhängige Gruppenleiterin bei Helmholtz Munich. Die ersten entscheidenden Ergebnisse mit meinem eigenen Team zu erzielen - nach Jahren des initialen Aufbauens und des Durchhaltens - war ein sehr kraftvoller Moment, der mein Vertrauen in meine wissenschaftliche Vision gestärkt hat. Zu sehen, wie Ideen durch Teamarbeit zu greifbaren Entdeckungen werden, hat sowohl meinen wissenschaftlichen Ansatz als auch mein Verständnis von Führung und Mentoring nachhaltig geprägt. 

Was fasziniert Sie an Ihrer Forschung?

CD: Mich fasziniert vor allem die außergewöhnliche Komplexität und Anpassungsfähigkeit des Immunsystems und seine nach wie vor unterschätzte Verbindung zum Metabolismus. Auch nach vielen Jahren in diesem Forschungsfeld bin ich immer wieder überrascht, wie viel es noch zu lernen und zu entdecken gibt - das macht die Arbeit intellektuell herausfordernd und zugleich sehr erfüllend. Was mich besonders motiviert, ist die Vision, unsere Forschungsergebnisse in relevante Verbesserungen für Patientinnen und Patienten zu überführen. Diese Kombination aus grundlegender Neugier, unerwarteten Entdeckungen und realer gesellschaftlicher Relevanz begeistert mich jeden Tag aufs Neue.

Was hat Sie dazu bewogen, zu Helmholtz Munich zu kommen?

CD: Helmholtz Munich bietet ein einzigartiges Umfeld, das exzellente Grundlagenforschung mit einem starken translationalen Anspruch verbindet - das war für mich ein entscheidender Beweggrund. Die interdisziplinäre Struktur, die hervorragende Infrastruktur und die langfristige strategische Ausrichtung machen es zu einem idealen Ort, um komplexe biomedizinische Fragestellungen zu bearbeiten, etwa das Zusammenspiel von Immunsystem und Metabolismus und dessen Rolle bei Erkrankungen. Besonders charakteristisch ist für mich die Offenheit zur disziplinübergreifenden Zusammenarbeit, die innovative Ansätze ermöglicht und die Translation wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Praxis beschleunigt.

Was sind die größten Herausforderungen und warum lohnt es sich dennoch jeden Tag?

CD: Wissenschaft ist herausfordernd, und die Leitung eines Teams leidenschaftlicher Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bringt zusätzliche Verantwortung mit sich. Die Balance zwischen wissenschaftlichem Anspruch, administrativen Aufgaben und langfristiger Strategie ist sehr anspruchsvoll. Gleichzeitig macht die Möglichkeit, mit hochmotivierten Menschen zu arbeiten, Ideen wachsen zu sehen und zu neuen Erkenntnissen beizutragen, die letztlich Patientinnen und Patienten zugutekommt, diese Arbeit jeden Tag aufs Neue bedeutsam.

“Neugier, Durchhaltevermögen und die Bereitschaft, Unsicherheiten anzunehmen, prägen das Leben eines Forschenden.”
Prof. Carolin Daniel

Was macht Ihrer Ansicht nach das Leben einer Wissenschaftlerin oder eines Wissenschaftlers aus?

CD: Neugier, Durchhaltevermögen und die Bereitschaft, Unsicherheit anzunehmen. Eine wissenschaftliche Laufbahn verläuft nicht linear, sie ist geprägt von Rückschlägen ebenso wie von nahezu magischen Momenten der Erkenntnis. Entscheidend ist das kontinuierliche Bedürfnis, Fragen zu stellen, und die Bereitschaft, zu etwas Größerem als sich selbst beizutragen.

Woher schöpfen Sie außerhalb der Arbeit Ihre Energie?

CD: Zeit mit meiner Familie zu verbringen, draußen zu sein und Momente der Ruhe und Reflexion zu finden, ist mir sehr wichtig. Da ich in der Nähe des Starnberger Sees lebe, schätze ich insbesondere das Laufen und Schwimmen als Ausgleich. Diese Zeit in der Natur - am See oder in den Bergen - helfen mir, den Kopf freizubekommen und neue Energie zu tanken.

Verraten Sie uns ein Geheimnis über sich?

CD: Trotz meiner stark strukturierten wissenschaftlichen Arbeitsumgebung entstehen einige meiner besten Ideen in gänzlich unstrukturierten Momenten, zum Beispiel beim Spazierengehen oder sogar mitten in der Nacht.

Mehr über Prof. Carolin Daniel

Prof. Carolin Daniel

Prof. Carolin Daniel

Prof. Carolin Daniel ist Direktorin des Institute für Metabolism und Immunologie bei Helmholtz Munich und Professorin für Immunomodulation an der Ludwig-Maximilians-Universität Munich, Division Klinische Pharmacologie.

carolin.danielspam prevention@helmholtz-munich.de

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Letzte Aktualisierung: Februar 2026