Bioengineering

Die Hightech-Agenda braucht einen katalytischen Moment für biomedizinische Innovation

Bioengineering IBMI

In einem gemeinsamen Gastbeitrag, veröffentlicht bei Table.Media, beleuchten Bioengineering-Experte Vasilis Ntziachristos und Deep-Tech-Spezialist Francis de Véricourt die zentralen Hebel, die notwendig sind, um biomedizinische Innovationen in Deutschland und Europa nachhaltig voranzubringen. Die beiden Wissenschaftler fordern einen „Whitaker-Moment“ für Deutschlands Biotechnologieinnovation und die Medizin von morgen. Die Investitionen der gleichnamigen Stiftung in den USA sehen sie als Vorbild.

Wissenschaftliche Durchbrüche liefern neue Erkenntnisse. Für wirtschaftlichen Fortschritt und menschliches Wohlergehen zählt jedoch, was davon in die Praxis gelangt. Erst dort verändert sich unser Alltag grundlegend. Die Anwendung von Entdeckungen zur Verbesserung menschlicher Gesundheit, häufig als Translation bezeichnet, hat im 20. Jahrhundert die durchschnittliche Lebenserwartung verdoppelt und das europäische Bruttoinlandsprodukt pro Kopf um 850 Prozent erhöht. Trotz dieser historischen Leistung verlieren Deutschland und Europa derzeit in zentralen technologiegetriebenen Bereichen der Biologie und Medizin, die eine effiziente Translation für gesellschaftlichen Nutzen ermöglichen, an Boden.

Im Jahr 2023 zog allein der chinesische Biotechnologie-Sektor fast doppelt so viel Investitionen an wie die europäischen Vergleichssektoren. Der Abstand zu den USA ist noch deutlich größer: Im Jahr 2023 sammelten 583 US-amerikanische Firmen insgesamt 56,79 Milliarden Dollar an Investitionen ein. Im gleichen Jahr kamen 229 europäische Biotechunternehmen auf 11,46 Milliarden Dollar. Diese Diskrepanz beschränkt sich nicht auf die Finanzierung. 2024 überholte China erstmals die Vereinigten Staaten bei der klinischen Aktivität. Europas globaler Anteil an pharmafinanzierten Studien reduzierte sich dagegen in den vergangenen zehn Jahren um die Hälfte.

Um diesen Herausforderungen zu begegnen, bedarf es einer grundlegenden Transformation. Sie muss eine systematische Senkung von Kosten und Zeitaufwand sowie eine wirksame Reduzierung von Risiken in der Innovation ermöglichen. Drei Hebel sind entscheidend: Biomedical Engineering, integrierte Biotechnologiezentren sowie gezielte Zuwanderung exzellenter Forschender und Talente.

Biomedical Engineering spielt eine zentrale Rolle. Denn das Fachgebiet an der Schnittstelle von Medizin, Lebenswissenschaften, Ingenieurwesen, Physik und künstlicher Intelligenz ist im weitesten Sinne ausdrücklich auf die Problemlösung in der Medizin ausgerichtet, also auf effiziente Translation. So wird nicht nur Innovation begünstigt, sondern es werden auch viele der Werkzeuge und Methoden entwickelt, welche die dafür notwendigen Prozesse selbst verbessern.

Vorbild Whitaker-Stiftung: In den 1970er-Jahren investierte die Whitaker Foundation rund 700 Millionen Dollar in Biomedical Engineering an über 30 US-Universitäten und etablierte damit ein neues akademisches Feld, das zu einer zentralen Quelle biomedizinischer Innovation und unternehmerischer Aktivität wurde. Deutschland und die meisten europäischen Länder verfügen hingegen bis heute weder über kohärente Strukturen noch über konsistente akademische Profile oder eine entsprechende institutionelle Kultur im Bereich des Biomedical Engineering.

Integrierte Biotechnologiezentren haben transformative Wirkung. So zeigen Innovationstheorie und Managementpraxis, dass integrierte institutionelle Cluster wesentlich häufiger bahnbrechende Fortschritte hervorbringen und diese auch rascher in die Anwendung übertragen. Die räumliche Nähe reduziert Kosten und Risiken durch gemeinsame Expertise, konzentrierte Talentpools, den Zugang zu teurer Infrastruktur sowie kürzere Wege zu Regulierungsbehörden und Investoren. Führende Zentren ziehen zudem internationale Talente und Unternehmer leichter an.

Die meisten europäischen Cluster bleiben heute jedoch hinter globalen Benchmarks zurück, was auf Fragmentierung, historisch gewachsene Konkurrenzstrukturen anstelle von Kooperation sowie eine Zersplitterung von Ressourcen zurückzuführen ist. Um ihr volles Potenzial zu erschließen, bedarf es stärkerer Kooperation über Organisationen und Regionen hinweg.

International mobile Spitzenkräfte haben seit Langem Innovation in Ländern wie den USA vorangetrieben. Dort stellen Einwanderer rund 40 Prozent der Nobelpreisträger und umfassen auch führende Technologiepersönlichkeiten wie Sergey Brin, Andy Grove, Jensen Huang oder Elon Musk. Ihre kulturelle Prägung fördert breitere Perspektiven und anpassungsfähigeres Problemlösen. Forschung zeigt zudem, dass sie deutlich häufiger an patentierten Erfindungen beteiligt sind als im Inland ausgebildete Fachkräfte. Die umfassenden Einschränkungen der Migration und von Visa für hochqualifizierte Arbeitskräfte durch die Trump-Administration eröffnen Deutschland und Europa eine seltene Gelegenheit, genau diese Talente anzuziehen.

Ob Deutschland bei der Technologie für die Medizin von morgen international mithalten kann, entscheidet sich ebenso an kulturellen Fragen wie an Kapital oder Regulierung. Anders als bei den Naturwissenschaften, in denen das Ingenieurwesen treibende Kraft für Innovation und wirtschaftliche Stärke Deutschlands ist, hat sich die Ingenieurkultur im biomedizinischen Bereich bislang nicht institutionell verankert. Dabei ist der Bedarf an systematischer Problemlösung besonders groß, um die erhebliche Lücke zwischen Wissensgenerierung und klinischer Anwendung zu überbrücken. Die bloße Vernetzung von Forschenden und Unternehmern reicht dafür nicht aus.

Darüber hinaus braucht Deutschland eine durchgängige Translationspipeline, getragen von Biomedical Engineering, die wissenschaftliche Entdeckungen konsequent durch Validierung und Regulierung führt. Die Hightech-Agenda bietet eine seltene Chance für einen katalytischen Moment, um Biotechnologie gezielt zu stärken und die Strukturen aufzubauen, die für technologische Souveränität und künftigen medizinischen Fortschritt unerlässlich sind.

Über die Forschenden

Prof. Vasilis Ntziachristos ist Direktor des Instituts für Biologische und Medizinische Bildgebung bei Helmholtz Munich und leitet den Lehrstuhl für Biologische Bildgebung an der Technischen Universität München (TUM).

Prof. Francis de Véricourt ist Professor und Academic Director des Institute for Deep Tech Innovation (DEEP) an der ESMT Berlin.

Veröffentlicht im Januar 2026 bei Table.Media

[Translate to German:]
Prof. Dr. Vasilis Ntziachristos

Direktor des Instituts für Biologische und Medizinische Bildgebung, Direktor des Bioengineering Centers

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