In ihrer Veröffentlichung auf ScienceDirect (Journal „Redox Biology") zeigen sie: Sowohl Pflanzen als auch Tiere – und damit auch der Mensch – haben komplexe Abwehrsysteme entwickelt, um sich gegen Krankheitserreger zu schützen. Während unser Körper zusätzlich über ein sogenanntes „adaptives Immunsystem“ verfügt (also über Antikörper und Impfreaktionen), verlassen sich Pflanzen komplett auf ihre angeborene Immunabwehr. Der interessante Aspekt dabei: Auch Pflanzen können sich an frühere Angriffe „erinnern“ – sie reagieren bei erneutem Stress schneller und effektiver.
„Pflanzen haben kein adaptives Immunsystem – und trotzdem finden sie raffinierte Wege, frühere Angriffe zu speichern und beim nächsten Mal schneller zu reagieren“, sagt Lindermayr. „Diese Mechanismen könnten uns helfen nachhaltigere und gezieltere Therapien zu entwickeln – angefangen bei den Lungen.“
Im Zentrum dieser biologischen Gemeinsamkeit steht die sogenannte Redox-Signalweiterleitung. Dabei übernehmen Moleküle wie Stickstoffmonoxid (NO) und reaktive Sauerstoffverbindungen (ROS) wichtige Rollen – sie sind nicht nur Anzeichen für Zellstress, sondern auch gezielte Botenstoffe, die Abwehrprozesse in Gang setzen. In Pflanzen, wie auch in der menschlichen Lunge, aktivieren sie spezielle Proteine und bereiten das Immunsystem auf künftige Belastungen vor.
Gerade in der Lunge, betonen Lindermayr und Yildirim, spielt diese Art der schnellen Immunantwort eine zentrale Rolle: Unsere Lungen sind täglich Umweltgiften, Allergenen und Krankheitserregern ausgesetzt – sie brauchen ein robustes, effizientes Abwehrsystem. Wenn wir besser verstehen, wie Pflanzen ihr Immunsystem mit Hilfe von Redox-Signalen „vorbereiten“, könnten wir neue Wege finden, das menschliche Immunsystem gezielt zu stärken – bis hin zu maßgeschneiderten Therapien bei Erkrankungen wie Asthma oder COPD.
Auch erste Ansätze für neue Medikamente machen Hoffnung: Kleine Moleküle, die gezielt in die Redox-Signalwege eingreifen, zeigen bereits vielversprechende Ergebnisse in frühen Studien. Sie könnten genutzt werden, um das Immungedächtnis gezielt zu fördern – oder es zu bremsen, wenn übermäßige Immunreaktionen krank machen.
Pflanzen könnten uns also beibringen, wie wir unser Immunsystem trainieren - ohne Antikörper. Ein visionärer Blick in eine nachhaltige, präzise Medizin der Zukunft, nach Anleitung der Natur.
Hier geht’s zum gesamten Artikel: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2213231725002150